Siegel oder nicht-Siegel, das ist hier die frage ...

Ziegenherde in der Mongolei, aufgenommen von ritsch-ratsch

 

Artgerecht und natürlich ist nicht gleich „Bio“

 

Für mich ist nicht nur beim Stricken der „Biogedanke“ wichtig - woher ein Produkt oder ein Rohstoff kommt, wie dieser entstanden ist und wie belastet dieser ist.

 

Daher bieten wir für alle Interessierten, neben unseren Strickstücken aus Garnen aus konventioneller Herstellung, auch Werkstücke aus „ökologischer Wolle“ an.

Leider macht derzeit die weltweite Biowollproduktion nur 1% aus und somit ist es schwer an Biowolle zu kommen und diese auch in den gewünschten Farben und Qualitäten zu erhalten.

Bei meinen Recherchen kam ich zu dem Punkt, dass ich mir darüber klar werden musste, was ich denn nun eigentlich genau will?!?

Will ich unbedingt ein Siegel um des Siegelwillens oder worum geht es mir eigentlich?

 

Dabei kam ich auf folgende 3 Punkte -was mir wichtig ist-  :

  1. artgerechte Haltung der Tiere
  2. ein natürliches Endprodukt, Wolle die so wenig wie möglich belastet ist
  3. regional“ sofern möglich - was bei Wolle wohl eher mit „so nah wie es eben möglich ist“ gleichzusetzen ist ;)

So wurde aus unserem „Bio-Anspruch“ > „Naturwolle aus artgerechter Haltung", ökologische Wolle. Fündig wurden wir bei Verena Heidenreich und dem „Mellerschter Schafhof", welcher zwar Wolle ohne Bio-Siegel verkauft, aber all unsere Kriterien erfüllt und uns bereits mit der 1. Lieferung quer durchs Sortiment erfreute.

 

Mit jedem der 3 Themen für sich könnte man schon wieder Seiten füllen, aber ganz kurz will ich zu jedem Stellung beziehen und noch etwas ausführlichere Erläuterungen finden Sie in dem unten angeführten Mailaustausch.

Wichtig bei alldem ist es für uns, einen vertrauensvollen Ansprechpartner zu haben, welcher uns Rede und Antwort stehen kann und Ahnung von all den Themen rund um die Haltung der Tiere, sowie die Gewinnung und Verarbeitung der Wolle hat - ein großes Danke an Frau Heidenreich vom „Mellerschter Schafhof"! für Ihre geduldigen und sehr informativen Mails (s. unten).

Schafherde in der Mongolei und im Hintergrund eine Pferdeherde, aufgenommen von ritsch-ratsch
  1. artgerechte Haltung:

Beinhaltet für uns auch: kein „mulesing“ bei den Merinoschafen! Dies ist eine gängige Praxis in Australien und Neuseeland, um die Schafe vor ganz bestimmten Fliegen zu schützen, wird ihnen ein Lappen Haut raus geschnitten, ohne Betäubung.

 

  1. ein natürliches Endprodukt:

Die Wolle soll so wenig wie möglich belastet sein.

Natürlichkeit ist einerseits wunderbar, andererseits möchte man keine kratzige Wolle und wünscht sich mitunter schöne Farben. Somit muss die Wolle behandelt und gefärbt werden.

Die Wolle vom Mellerschten Schafhof ist, sofern sie gefärbt ist, nach Öko-Tex-100 oder gar rein pflanzlich gefärbt.

LKWs voller Wolle und Felle, Mongolei, aufgenommen von ritsch-ratsch

 

  1. „regional“ sofern möglich - was bei Wolle wohl eher mit „so nah wie eben überhaupt möglich“ gleichzusetzen ist ;)

Deutschland ist nicht gerade berühmt (was völlig untertrieben ist), für seine weidenden Schaf – und Ziegenherden.

Da Biowolle weltweit nur so einen kleinen Anteil ausmacht und es in Deutschland nicht sonderlich viele Schafe gibt, wird deutlich, warum es mit den Themen „Biowolle“ und „Regionalität“ nicht gerade leicht ist.

 

Außerdem liefern verschiedene Rassen nunmal verschiedene Garne und Qualitäten und nicht jede Schafrasse gibt es überall - so wie Neuseeland und Australien bspw. für die Merinoschafe bekannt sind und da auch die feinsten Qualitäten liefern. Will man also bestimmte Garne, kommt man gar nicht drumrum diese vom anderen Ende der Welt zu beziehen.

 

Hier finden Sie Beispielbilder, bitte runter scrollen bis zur Galerie II, von unseren Stricksachen, die wir aus der ökologischen Wolle vom Mellerschter Schafhof gestrickt haben.

 

Schaf- und Ziegenherde in der Mongolei, aufgenommen von ritsch-ratsch

Nun noch ein paar interessante Auszüge aus dem regen Mailaustausch,

Frau Heidenreich vom „Mellerschter Schafhof" antwortete so informativ und ausführlich:

 

„Um Ihnen genauere Auskunft geben zu können, müsste ich noch einige Begriffe klären:

 

- was verstehen Sie unter "Bio-Wolle"?

 

Es gibt Wolle aus kbT (kontrolliert biologischer Tierhaltung), meist sehr teuer und vielleicht dann doch chemisch ausgerüstet und industriell gefärbt. Es gibt Wolle aus Australien, superfein, aber in Australien wird mulesing betrieben, also eigentlich (für mich) ein no-go. Es gibt Wolle aus konventionellen Betrieben (so wie wir), die ihre Schafe so bio wie irgendmöglich halten, aber eben nicht zertifiziert sind und ihre Wolle dann nach den strengstmöglichen Standards weiterverarbeiten lassen.......Sie sehen, ein weites Feld!

 

Ich selber arbeite mit einigen Schäfereien zusammen, die alle nicht bio sind, ihre Tiere aber wirklich gut halten, was man an der Wolle merkt.

 

Verarbeitet wird die Wolle dann in kleinen deutschen oder österreichischen Familienbetrieben, die alle strengen Kontrollen unterliegen und nach dem Öko-Tex-Standard 100 färben (oder pflanzlich, aber das ist ein relativ kleiner Markt, weil die meisten Käufer wollen, dass die Wolle immer den gleichen Farbton behält, was bei pflanzlicher Färbung nicht gegeben ist).

 [...]

 Allerdings muss man zur Wolle direkt vom Erzeuger auch sagen, daß vielleicht nicht immer alle Qualitäten oder Farben zur Verfügung stehen. Aber die Auswahl ist i.d.Regel sehr groß, und das Material wächst ja laufend nach!"

  

 

„ … es freut mich, daß es noch Menschen gibt, denen die tatsächliche Tierhaltung wichtig ist. [...]

Ich lade auch immer gerne zu uns auf den Betrieb ein, damit man sich selber ein Bild machen kann - wenn die Schafe im Winter eingestallt sind, steht zur Fütterungszeit in der Regel immer die Stalltüre offen, so daß man hereinkommen, zuschauen und sich informieren kann. Falls Sie also selbst einmal Urlaub machen sollten, sind Sie herzlich eingeladen!"

 

 

„ … Biosiegel haben die Wollen nicht, weil sie von konventionell arbeitenden Betrieben stammen.

Eine Biohaltung ist meist nur in kleinen Betrieben möglich, da der bürokratische Aufwand für größere Herden schlicht nicht zu bewältigen ist.

Außerdem ist Wolle aus Biobetrieben meist so teuer, daß man sie aufgrund des hohen Preises nur schlecht verkauft bekommt.

 

Aus diesen Gründen war mir sehr wichtig, daß die Betriebe, mit denen ich zusammenarbeite, mit meinen Vorstellungen, was das Tierwohl angeht, übereinstimmen, d.h. gute Haltung, kein übermäßiger Kraftfuttereinsatz (und wenn, dann aus heimischer Produktion), wenig Medikamente, gutes Weidemanagement, gute Grünlandpflege und so wenig wie möglich Stress für die Schafe.

Wenn all das stimmt, hat man gesunde, robuste und langlebige Tiere mit einer wirklich guten Wollqualität.

 

Von meinen eigenen Schafen: meine Fuchsschafwolle geht seit diesem Jahr komplett in eine Behindertenwerkstatt im Vogelsbergkreis (die Lebensgemeinschaft Richthof/Sassen) und nicht mehr ans "Goldene Vlies", da die dort daraus hergestellten

Sitzkissen und nun auch Teppiche so gut gehen. Ansonsten wird Coburger Fuchswolle von der Organisation "Das Goldene Vlies" deutschlandweit gesammelt und zur Verarbeitung gegeben (Coburger Füchse sind eine bedrohte Landschafrasse, von denen es nicht sehr viele gibt). Southdownwolle ist nicht dabei, weil die meist gleich direkt aus dem Laden verkauft wird; allerdings ist die diesjährige Schur noch in England zur Verarbeitung (in Deutschland verarbeitet niemand Mindermengen).

Andere Schafrassen halte ich nicht, denn man kann i.d.Regel nur max. zwei Schafrassen mit Erfolg züchten; wenn es mehrere sind, verzettelt man sich leicht.

 

Die pflanzl. gefärbten Garne werden wie alle gewaschen (meist in Belgien, weil hier in Deutschland niemand mehr unter 10 t Rohwolle wäscht), dann kommen sie wieder nach Deutschland zurück und werden in kleinen Familienbetrieben quer durch Deutschland weiterverarbeitet. Pflanzl. Färbung heißt: Beizen mit Alaun und/oder Weinsteinrahm und dann färben mit Naturmaterialien (angefangen über Birkenblätter, Zwiebelschalen, Cochenille, Baumpilz, Färberkamille usw.)

Färben nach Öko-Tex-Standard 100 heißt, daß die Betriebe sich beim Färben (mit Chemie) nach den strengen Anforderungen des Standardes richten, damit alle Schadstoffgrenzen möglichst weit unterschritten werden.

Keine der Wollen, die wir untereinander kaufen/tauschen ist in irgendeiner Art chemisch ausgerüstet (z.B. für die Glätte, wasserabweisende Bedampfung, gegen Motten) und also bis auf die Färbung nach Öko-Tex ein reines Naturprodukt.

 

Wolle aus anderen Ländern übernehme ich nur von Schafhöfen, deren Haltungsbedingungen mir bekannt sind und von denen ich weiß, daß sie auch bei ihren Partnern im Ausland auf die Haltung achten (solche "Auslandswollen" gibt es meist, wenn ein Mitglied der Familie z.B. auf einer neuseeländ. Schaffarm Praktikum gemacht hat, oder sich auf einem Jahr "Auszeit" durch verschiedene Schäfereien in z.B. Uruguay gearbeitet hat).

 

Ich hoffe, Ihnen ein bißchen weitergeholfen zu haben. Wenn Sie noch weitere Fragen haben sollten, melden Sie sich einfach wieder!"

 

Alle Bilder dieses Blogbeitrags entstanden 2007 in der Mongolei.